Süddeutsche Zeitung – Die Capitana

Süddeutsche Zeitung, 26.03.2012, Ralph Hamheb. Thaler

Wie man den Grundsätzen Wein einflößt

Von Patagonien bis Berlin: Die argentinische Autorin Elsa Osorio erzählt das Leben der Spanienkämpferin Mika Etchebéhère

Alt geworden, zieht Mika ins Heim, in Paris Montparnasse, ausgerechnet in je­nes Zimmer, das zuvor Samuel Beckett bewohnt hat. Als sie die Tür des kleinen Kühlschranks aufzieht, entdeckt sie vie­le Flaschen Whisky, und sieerinnert sich daran, dass Beckett bei ihrem ersten Besuch noch am Leben war, sich hinter dem Hucken der Heimleiterin versteckte, ihr zuzwinkerte und, dann die Zunge raus­streckte. Zwei große Frauen werden der­zeit mit Roman-Biografien bedacht, ge­schrieben von lateinamerikanischen Au­torinnen. Im Herbst ist „Die Capitana» der Argentinierin Elsa Osorio erschie­nen, im Mai kommt „Frau des Windes» der Mexikanerin-Elena Poniatowska hin­zu. Aber anders als die berühmte Leono­ra Carrington, die „Frau des Windes» ist Mika Etehebéhère so gut wie in Verges­senheit geraten.

In Frankreich hat sie 1975 ihre Erinnerungen unter dem Titel „Ma guerre d’Espagne à moi» veröffentlicht. Als An­archistin kämpfte sie im Spanischen Bür­gerkrieg für die Republik – und befehlig­te als einzige Erau eine Kolonne. Doch ideologisch war sie, freisinnig von Natur aus, nie recht einzuordnen. Bas nahmen ihr jene Linken, die es .gerne ordentlich haben, übel und setzten ihr, zumal unter stalinistischem Brück, heftig zu. Bitter notiert, sie: „Sie haben mieh aus dem Krieg hinausgeworfen.» Mar, dass sie ihr später jedes Andenken verwehrten.

Als Elsa Osorio unlängst im Berliner Instituto Cervantes gastierte, wurde sie, die eine Fülle von Recherchen unternommen hatte, natürlich gefragt, warum.sie Mikas Geschichte als Roman erzähle. Ih­re Antwort kam zögerlich, aber nicht oh­ne Hintersinn; Eine Erzählerin müsse nicht so tun, als wisse sie über alles Bescheid; erst beim Schreiben erschließe sich die Geschichte. Kann also gut sein, dass die Begegnung mit dem verwirrten ‘ alten Beckett erfunden äst, wenngleich BeckettsÄtsch-Zungedaszerrissene-20.-Jahrhundert.ziemlichgut kommentiert.

1902 in ‘Moises Ville, einer jüdischen Kolonie in Argentinien, geboren, starb Mika Etchebéhère 1993 in Paris. Ganz ohne Pathos: ein Jahrhundertleben. Darin ist der Spanische Bürgerkrieg nur eine Episode, wenn auch, eine entscheidende. In den zwanziger Jahren schließt sich Mi­ka einer aufrührerischen Gruppe in Bue­nos Aires an, schreibt für eine Zeitschrift und sie verliebt sich in Hipólito, einen jungen Intellektuellen, der unter Tuber­kulose leidet. Daher lotst sie ihn in die fri­sche Luft von Patagonien, vorgeblich mit dem Ziel, Aufstand und Niederschla­gung der Landarbeiter zu dokumentie­ren, das Massaker an 1500 Menschen Aber er ist von Unruhe erfüllt, er denkt vor großem Horizont und erblickt die re­volutionären Chancen der Arbeiterklas­se anderswo auf der Welt: „In Deutschland findet der Kampf statt.»

Stilistisch leistet sich Osorio große, wenn auch gut abgefederte Sprunge, von Ort zu Ort, von Zeit zu Zeit, vor und zu­rück. Zusätzlichen Drive bekommt die* Geschichte durch das Unisehlagen der Perspektive mitten im Satz: gerade noch distanzierte Erzählung. schon der direk­te Gedanke, die direkte Äußerung einer Figur. Kursiv gedruckt, befragt der Text ab und zu seine Heldin. Das wirkt anfangs etwas betulich, aber mit der Zeit ge­wöhnt man sich daran. Osorio lastet dises Anrufen der Toten einer lateinameri­kanischen Marotte an. Darauf verzich­ten aber wollte sie nicht.

Mika und Hipólito .gelangen über Pa­ris nach Berlin, 1932, mitten hinein in den Kampf zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. In tollen, präzisen Berlin-Kapiteln wird deutlich, warum die uneinigen Linken den Rechten unter­liegen. Nazis ergreifen tue Macht, in den Straßen erklingt das Horst-Wessel-Lied

Irrtümlich wird der ermordete Gelegenheitsdichter Wessel als Gründer der SA bezeichnet; dabei stieß er erst 1.M26 da­zu, Als die Nazis ihren Saalschutz ins Le­ben riefen»,- aus dem sich später die SA entwickelte, war Wessel gerade mal fünfzehn Jahre alt. In Berlin taucht erstmals der zwielichtige Jan Well auf. ein sowjetischer Agent, der die buken, nicht beson­ders moskauhörigen. Gruppen zu zerset­zen sucht. Diese Figur durchkreuzt das gängige, der Identifikation dienende Schema von hier die Guten, dort die Bösen. Well nämlich brennt für die kommunistische Idee, aber nur insoweit, als sie Stalin gefällt. Und weil er ein leidenschaftlicher Mensch ist, verguckt er sich in Mika, im­mer etwas schmierig, nicht Herr seiner Sinne. Einmal, im Treppenhaus, be­drängt er sie, doch sie stößt ihm ihr Knie in die Eier-von Osorio feiner formuliert, aber genau so ist es gemeint.

In Spanien treffen die beiden wieder aufeinander Rache ist süß und lässt sich noch dazu mit einer Säuberung in den ei­genen Reihen begründen. Well lässt Mi­ka, die erfolgreich an der Front gekämpft hat. in Madrid verhaften und verhören, vor allem aber: fotografieren. Nur durch die Fürsprache-von Freunden kommt sie schließlich frei. Sie solle sich aus-dem Krieg zurückziehen, am besten das Land verlassen. Wie Elsa Osorio in Berlin mit­teilte, hatte sie Mikas Schriftstücke noch in Paris einsehen und kopieren können. Mittlerweile, liegt der Nachlass in einer Fachbibliothek in Buenos Aires. Niemandem jedoch sind die Hefte, Briefe Zei­tungsausschnitte -zugänglich. Es heißt, und zwar schon seit Jahren, dies alles werde katalogisiert. Wer weiterforschen will, sagt Osorio; dem stelle ich meine Unterlagen gern zur Verfügung.

Darin wird sich bestimmt auch ein Hin­weis finden, dass Mika ihre Männer, selbst im Schützengraben, mit Alkohol versorgt hat. Obwohl sie zunächst strikt ‘
dagegen war. Hipólito nahm es gelasse­ner. Der schönste Satz des Romans wird ihm in den Mund gelegt: „Wir müssen unseren Grundsätzen etwas Wein einflössen.»

RALPH HAMHEB.THALER

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