Literaturkritik.de – Monika Grosche – Ein literarisches Denkmal

Literaturkritik.de – Monika Grosche – Ein literarisches Denkmal – Juli 2012

Ein literarisches Denkmal

Über Elsa Osorios Roman „Die Capitana“

„’Diese Frau ist wie ein Mann‘, hörte sie José Manuel sagen. Welch ein Lob. Mika ballte die Fäuste in den Taschen, sie durfte es sich nicht erlauben, dass ihre Wut mit ihr durchging. Sie hätte ihm gern gesagt, dass sie lieber hören würde ‚Diese Frau ist wie eine Frau’, und nicht ‚wie ein Mann‘. Aber das war jetzt fehl am Platz und auch nicht der Moment, um ein Grundsatzgespräch über die Unterschiede zwischen Mann und Frau und ihre Rollen in der Gesellschaft zu führen“.

Denn was Micaela, ‚Mika‘ Etchebéhère und ihre Genossen viel mehr beschäftigt als die Diskussion politischer Standpunkte, ist das Überleben der spanischen Revolution und ihres libertären Gesellschaftsmodells, für das sie sich verzweifelt im Kampf gegen die feindliche Übermacht der Putschisten um General Franco stemmen.

Mika ist die Hauptperson in Elsa Osorios neuem Roman ‚Die Capitana‘, in dem sich die argentinische Autorin erneut einem Stück Zeitgeschichte widmet. Wie bereits in ihrem international vielbeachteten preisgekrönten Roman „Mein Name ist Luz“, steht auch hier eine Frau im Mittelpunkt der Handlung. Während Luz die Folgen der Militärdiktatur in Argentinien bewältigen musste, ist Mika eine politische Kämpferin auf internationalem Parkett. Denn wenn auch ihr Leben 1902 als Tochter jüdischer Emigranten in Argentinien beginnt, so widmet sich die unbeugsame Sozialistin und Antifaschistin schon bald dem revolutionären Kampf im weit entfernten Europa.

Historisches Vorbild für die Figur war Mika Etchebéhère, die trotz der Tatsache, dass sie im spanischen Bürgerkrieg als einzige weibliche Kommandantin eine kämpfende Brigade der POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista) innerhalb der republikanischen Milizen leitete, heutzutage weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Dabei ist deren Leben (das sie in der 1980 auf Deutsch erschienenen Biografie

„La guerra mia. Eine Frau kämpft für Spanien“ beschrieben hat) mindestens genauso interessant und vielschichtig wie das vieler männlicher Spanienkämpfer.

Umso erfreulicher ist es, dass Osorio sie dem Vergessen entreißt und uns nach intensiven Recherchen zur Person einen fesselnden Roman präsentiert, der bei aller literarischer Freiheit das Leben und Wirken einer Frau detailgetreu nachzeichnet, für die der Kampf um soziale Gerechtigkeit und Freiheit die Richtschnur ihres bewegten Lebens darstellte.

Nicht chronologisch, sondern in großen Sprüngen lässt uns Osorio an diesem Leben teilhaben. So tauchen wir ein in Mikas Studienzeit und ihre ersten politischen Aktivitäten in Buenos Aires, wo sie ihre große Liebe Hipólito Etchebéhère kennenlernt, springen von dort in die Schützengräben des spanischen Bürgerkriegs und hin zur Bestattung Mikas auf dem Père Lachaise in Paris, um dann ins karge Patagonien zu eilen, wo Mika und Hipólito als reisende Zahnärzte Kontakte zu den Überlebenden des niedergeschlagenen Aufstandes der Schafhirten suchen, um dann später mit ihr und anderen AktivistInnen in Berlin schreckliche Befürchtungen angesichts des rasanten Aufstiegs des deutschen Nationalsozialismus zu diskutieren…

Ebenso temporeich und sprunghaft wie die Wechsel von Zeitebenen und Orten erfolgen auch die Perspektivenwechsel, mit denen Osorio ihre Protagonistin aus verschiedenen Blickwinkeln präsentiert: Mal erzählt Mika selbst von ihren Gedanken und Gefühlen, mal kommen neben der auktorialen Erzählerin einige Weggefährten zu Wort: Milizionäre wie die blutjunge Emma berichten ebenso über die „Capitana“ wie die Reinemachefrau, die der verstorbenen Atheistin heimlich einen göttlichen Segen mit auf den letzten Weg gibt, damit diese nicht in der Hölle landet.

Egal, ob die vielen liebevollen Details erfunden sind oder dem tatsächlichen Leben Mikas entsprechen: Sie alle zeugen von Osorios großem Einfühlungsvermögen und ihrer literarischer Behutsamkeit, sodass mit „Die Capitana“ ein bewegendes Werk entstanden ist, das einem wahrhaft heldenmutigen Leben ganz ohne Pathos zu Recht ein literarisches Denkmal setzt.

Denn wer trotz tiefster politischer Verwundungen (so die Enttäuschung über den Ausschluss aus der KP und der Verrat der revolutionären Ziele durch Stalin), trotz größter persönlicher Verluste (Hipólito stirbt bereits nach kurzer Zeit bei Gefechten in Spanien) und trotz niederschmetternder historischer Entwicklungen (der Sieg des Faschismus und der zweiten Weltkrieg) nie aufhörte, sich für die Rechte der Menschen weltweit einzusetzen, dem gebührt zweifelsohne ein solches Denkmal.

 

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