Rezension von Lutz Vogelsang über Die Capitana

Belletristik-Couch –Lutz Vogelsang – Mai 2012

Halb Roman, halb Biografie

Sigüenza, 1936: Elsa Osorio führt uns an den Beginn des Spanischen Bürgerkrieges in die Mitte der iberischen Halbinsel. Kämpfer einer revolutionären, marxistischen Gruppierung versuchen das kleine Städtchen gegen die heranrückenden Truppen Francos zu verteidigen. Das Besondere an der Geschichte: Befehligt werden die Milizen von einer Frau: Mika Etschebéhère. Sie war damit die einzige Frau, die während des Spanischen Bürgerkrieges eine Kolonne geführt hat.

Es ist nicht das erste Mal, dass Elsa Osorio ein geschichtsträchtiges Thema für einen Roman wählt. Ihr bis dato bekanntester und erfolgreichster Roman »Mein Name ist Luz« schildert den Versuch einer während der argentinischen Diktatur adoptierten Frau, ihre wahren Wurzeln zu entdecken. Der Roman wurde in 16 Sprachen übersetzt und wurde mit dem Literaturpreis von Amnesty International ausgezeichnet.

Allerdings ist »Die Capitana« kein Buch über den Spanischen Bürgerkrieg. Im Leben der Mika Etschebéhère war die Zeit dort nur eine von vielen spannenden Episoden ihres bewegten Lebens. In einem ausführlichen Anhang schildert die Autorin, wie sie auf diese bemerkenswerte Person, die in ihrer südamerikanischen Heimat schon beinahe komplett vergessen worden war, aufmerksam geworden ist. Und die Autorin greift weit in die Vergangenheit. Von der Flucht Mikas jüdischer Familie von Odessa nach Argentinien. Von den harten Jahren, die die Familie brauchte, um sich eine Existenz aufzubauen, bis zu Mikas Tod in Paris.

Das bewegte Leben dieser Revolutionärin ist auch das stärkste Argument für diesen Roman. Da die Autorin ständig und in kurzen Intervallen Ort und Zeit wechselt, bekommt der Leser schon nach wenigen Seiten einen Überblick über dieses »Jahrhundertleben«. Man gewinnt schnell den Eindruck, dieses Buch musste geschrieben werden! An der Seite der Hauptfigur reist man durch verschiedene Schlüsselmomente des 20. Jahrhunderts und bekommt teilweise intime Einblicke in die Zeitgeschichte. Argentinien, Spanien, Frankreich und auch Deutschland….kaum ein Ort, an dem Osorios Protagonistin nicht für eine bessere Welt gekämpft hätte, ohne sich ideologisch vereinnahmen zu lassen.

Der Stoff für einen packenden Roman wäre also vorhanden gewesen. Leider schien sich die Autorin nicht dazu durchringen können, wirklich einen Roman zu schreiben. Man bekommt den Eindruck, dass Elsa Osorio zu viel Ehrfurcht vor Etschebéhères Biographie hatte, um mit dem Stoff wirklich frei umzugehen. An viel zu vielen Stellen weicht der Romancharakter einer Biographie. Deutlich wird dieses Dilemma bereits in den ersten Kapiteln. Man muss Passagen schon sehr aufmerksam und teilweise auch mehrmals lesen, um mit der Fülle an Informationen Schritt zu halten. Es werden etliche Charaktere eingeführt, die aufgrund der wechselnden Schauplätze und Daten ein paar Seiten später vorerst keine Rolle mehr spielen. Leichter Lesestoff ist »Die Capitana« damit zu keiner Zeit.

Richtig ärgerlich ist es, wenn sich dazu noch stilistische Stolperfallen gesellen. Mehrmals in einem Kapitel werden die Perspektiven gewechselt. Dazwischen mischen sich Aussagen von Etschebéhère selbst. Teilweise sind auch einzelne Sätze derart konfus, dass ein entspannter Lesefluss nicht möglich ist:

»Sie wird umziehen, schlug sie vor, in eine billigere Unterkunft, kommt nicht in Frage, du bleibst hier und hältst dich an die Ausgehzeiten, einverstanden, gab Mika klein bei.« Alles klar?

Alles in allem ist »Die Capitana« halb Roman, halb Biographie. Ein Buch, dass aufgrund der schillernden Hauptfigur durchaus interessant ist – erst recht für Leser mit besonderem Interesse an Zeitgeschichte – den Leser aber teilweise frustriert.