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Der
Spiegel
Licht
ins Dunkel
Die Erinnerung an historische Schuld scheint wie ein Fernrohr zu funktionieren
erst in größerem Abstand kann sie präzise ausmachen, was
da wirklich gewesen ist, ohne Beschönigungen, Ausflüchte, leugnende
Unschärfen. Elsa Osorios Roman "Mein Name ist Luz" wirft
diesen klarstmöglichen Blick zurück auf die Barbarei der argentinischen
Juntas in den siebziger und achtziger Jahren, die in ihrem wahnhaften
Kampf gegen die "Subversion" entführen, foltern, töten
ließen. Ein wahres Buch also, und doch ist alles erfunden, so wundersam,
so fesselnd, dass man es kaum aus der Hand legen mag. Die historische
Wahrheit kommt daher als vorwärts stürmender Krimi, als Schicksalsroman,
Familiendrama und Liebesgeschichte, und sie ist in weiten Teilen erzählt
von einer jungen Frau, die schnörkellosen, modernen Klartext redet.
Sie heißt Luz, und sie bringt Licht ins Dunkel. Sie ist auf der
Suche nach ihren Eltern, denn sie spürt früh, dass sie nicht
die Tochter derjenigen ist, bei denen sie aufwuchs. Nach und nach fügen
sich ihre Recherchen und Erinnerungen zu einem biografischen Monstermosaik:
Luz' Mutter wurde nach der Geburt getötet. Luz wurde der Tochter
eines Oberst übergeben, die selber keine Kinder kriegen konnte. Ein
Auftragskind: Der Oberst selbst hat den Mord an Luz' Mutter, der politischen
Aktivistin, befohlen. Eine irreale Schauergeschichte? Tatsächlich
wurde erst in den letzten Jahren ruchbar, dass es Dutzende, wenn nicht
Hunderte Fälle von Kindsraub gab, und heute ist es vor allem dieser
Straftatbestand, der es ermöglicht, einige der Militärs doch
noch zur Rechenschaft zu ziehen Kidnapping war in den Amnestie-Regelungen,
die sich die Militärs ausgehandelt hatten, glatt vergessen worden.
Osorio, 48, erzählt mit einer erstaunlichen Disziplin. Das Gespräch
zwischen Luz und ihrem leiblichen Vater etwa, den sie in Madrid aufstöbert,
ist beileibe keine eifernde Philippika zweier Opfer gegen die Täter,
sondern durchzogen von Resignation, Bitterkeiten auch zwischen den beiden,
ja sogar Protesten: Luz wirft ihrem Vater vor, er habe nicht entschlossen
genug nach ihr gesucht. Fehler, muss er gestehen, habe auch er begangen.
Auch er habe das Vergessen, den Neuanfang gesucht. Er habe geglaubt, sie
sei tot, wie ihre Mutter. Dieses Buch, das gegen das Vergessen geschrieben
ist, ist selber eines, das man nicht vergisst.
Rückkehr
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Martin Grzimek
Sich selbst auf die Spur kommen
März 1976 in Argentinien Jorge Rafael Videla und das Militär
die Macht übernahmen und das Land brutal von politischen Oppositionellen
säuberten, "verschwanden" mehr als 20 000 Menschen, darunter
Hunderte von Babys, die in den Militärhospitälern ihren Müttern
weggenommen und unter den Angehörigen der Machthaber wie Beutegut
verteilt wurden. Da die wahren Eltern zumeist hingerichtet wurden oder
ins Ausland flohen, da Geburtsurkunden gefälscht und Krankenhausakten
vernichtet wurden, wissen noch heute viele dieser inzwischen erwachsenen
Kinder nichts über ihre wahre Herkunft und Identität.Schon
1977 verurteilte die Genfer Menschenrechtskommission die Machenschaften
des damaligen argentinischen Regimes, und schon früh haben sich die
Eltern beziehungsweise Großeltern der Verschwundenen als die "Abuelas
de Plaza de Mayo" zusammengeschlossen, um nach ihren Kindern und
Enkeln zu suchen. Da aber im Zuge einer Generalamnestie unter der Regierung
Menem die verantwortlichen Militärs juristisch nicht mehr zur Verantwortung
gezogen werden konnten, blieben die Suchaktionen der "Großmütter"
weitgehend folgenlos. Erst das Auslieferungsverfahren gegen den chilenischen
Exdiktator Pinochet und die Wiederaufnahme gerichtlicher Untersuchungen
gegen ehemalige Machtinhaber des Militärregimes in Argentinien haben
die Auseinandersetzung mit diesem Teil der jüngeren Geschichte des
Landes wiederaufleben lassen.In
dem Roman "Mein Name ist Luz" der in Madrid lebenden argentinischen
Schriftstellerin Elsa Osorio macht sich die zwanzigjährige Luz auf
die Suche nach Carlos Squirro, ihrem leiblichen Vater, und findet ihn
in Spanien. Da Carlos nicht einmal von der Existenz einer Tochter weiß,
erzählt die Tochter dem Vater in einer langen Nacht ihre Geschichte.
Eine äußerst verzwickte Geschichte, wie der Leser bald merken
wird, denn Steinchen für Steinchen fügt Elsa Osorio ein Lebensbild
zusammen, das durch die Militärregierung brutal zerschlagen wurde.Als
Luz im Militärhospital 1976 als Tochter einer verhafteten Oppositionellen
geboren wird, ist längst klar, daß man sie der Mutter wegnehmen
wird. Der Sergeant Pitiotti, bekannt und gefürchtet unter dem Namen
"El Bestia", hat sie seiner Freundin Miriam, einem zur Edelhure
avancierten Fotomodell, als Geschenk versprochen. Der Zufall will es,
daß am Tage der Entbindung auch Miriana, die Tochter des einflußreichen
Oberstleutnants Alfonso Dufau, im selben Hospital ein Kind zur Welt bringt.
Aufgrund eines ärztlichen Kunstfehlers wird das Kind tot geboren.
Um "Ersatz" zu schaffen, "beschlagnahmt" Dufau, den
man auch den "Verwalter des Todes" nennt, kurzerhand das Baby
der Oppositionellen und schiebt es seiner Tochter unter. Lediglich deren
Mann Eduardo weiß von dem Tausch und der Fälschung der Papiere.
Da Miriana nach der Totgeburt für einige Wochen ins Koma fällt,
werden das Baby und seine Mutter für diese Zeit unter Bewachung in
der Wohnung von "El Bestias" Freundin untergebracht.Miriam,
die Prostituierte, und Liliana, Luz' Mutter, lernen sich während
dieser Gefangenschaft kennen und beschließen, gemeinsam mit dem
Kind zu fliehen und unterzutauchen. Aber die Flucht mißlingt, Liliana
wird erschossen und Miriam weiß die Geschichte geschickt so darzustellen,
daß kein Verdacht auf sie fällt. Da sie nun die ganze Brutalität
von "El Bestia" beinahe am eigenen Leib erfahren hat, verläßt
sie den Sergeanten, und es gelingt ihr jahrelang, sich vor seiner Verfolgung
versteckt zu halten. Miriam ist die einzige Person, die Luz den Namen
ihres Vaters überliefern kann, als das längst erwachsene Mädchen
beginnt, aus dem Kreis der Lügen und Intrigen auszubrechen.Oberflächlich
betrachtet hat Elsa Osorios Roman alle Eigenschaften eines guten Kriminalromans:
Da gibt es die beiden Verbrecher Dufau und Pitiotti, die unschuldigen
Opfer Liliana und Luz, das zwielichtige Milieu der Prostitution und das
scheinheilige der oberen Schichten. Es gibt rätselhafte Indizien
und verwischte Spuren, die Beseitigung von Zeugen und jede Menge andere
Hindernisse zur Tataufklärung, und es gibt den unbeugsamen Willen
der "Detektivin" Luz, die in eigener Sache ermittelt und schließlich,
wie um ihrem Namen Genüge zu tun, "Licht" ins Dunkel bringt.Zwei
Eigenschaften ist es zu verdanken, daß sich Elsa Osorios Roman nicht
auf einen historisch
verbrämten Krimi reduzieren läßt. Zum einen hebt die verblüffende
Kenntnis der Details das Geschehen aus dem Fiktiven heraus. Nicht zuletzt
deswegen hat man die Autorin des öfteren gefragt, ob ihr Buch autobiographisch
sei, was sie stets verneint hat. Zum anderen aber schlüpft Luz, die
Erzählerin, während ihrer Darstellung in die Rollen der so ganz
unterschiedlichen Figuren hinein und berichtet aus deren Ich-Perspektive.
Indem Luz sich zum Beispiel in die Prostituierte Miriam hineinlebt, teilt
sie deren Schicksal, und zugleich rettet sich die Autorin vor dem Klischee.
Miriam, Miriana, Liliana, Luz - nicht von ungefähr sind sich die
Frauennamen fast zum Verwechseln ähnlich. Das Ensemble ihrer Stimmen
klagt nicht an, sondern versucht aus individueller, gefühlsbestimmter
Sicht, die Gewalttätigkeiten und das Erlittene zu begreifen. Die
Frage der Schuld bleibt, Vorwürfe sind nicht gemildert, mörderische
Taten nicht verjährt - die Frage ist nur, wie man diese Vergangenheit
bewältigen soll.Ähnlich
wie Gabriel García Márquez mit seinem dokumentarischen Roman
"Nachricht von einer Entführung" schafft es die 48jährige
Elsa Osorio mit "Mein Name ist Luz", den Leser davon zu überzeugen,
daß die Mittel der Erzählkunst sich dort am wirksamsten zeigen,
wo sie unseren Blick und unser durch die Phantasie geschärftes Interesse
auf die Realität zurückführen.
Rückkeh
Süddeutsche
Zeitung - Literaturbeilage
Hans-Jürgen Schmitt erkennt in dieser fiktiven Geschichte ein "unerhörtes
Dokument", denn die Romanhandlung hätte seiner Meinung nach
auch authentisches Zeugnis sein können, demonstriere sie doch ein
Stück politischer Realität Argentiniens während der Militärdiktatur.
Die historische Tatsache, dass Angehörige des Militärs weiblichen
Gefangenen ihre im Gefängnis geborenen Säuglinge wegnahmen und
anderen Militärs zur Adoption anboten, hat die argentinische Autorin
zwar nicht als erste zum Thema gemacht, aber so eindringlich "wie
kaum jemand zuvor" beschrieben, preist der Rezensent. Er lobt die
sachliche und dennoch erschütternde Erzählweise der Autorin
und betont, dass die "sex and crime"-Szenen, die im Roman gestaltet
sind und ihm mitunter den "Atem stocken" ließen, niemals
aus Voyeurismus, sondern stets als "Elemente der Wirklichkeit"
eingeführt werden. Besonders begeistert ist er von der "Authentizität"
der Figuren und dem großen Einfühlungsvermögen, mit dem
die Autorin ihre Protagonisten beschreibt
Rückkehr
Berliner Morgenpost - Christiane Korff
Eine
andere Kindheit
Elsa Osorio bewegt
sich literarisch auf den Spuren der argentinischen Militärdiktatur
Luz ist sieben Jahre alt, als sie vor der Schule von einer Fremden angesprochen
wird: "Deine Mutter ist nicht deine Mama." Doch erst sehr viel
später, als Zwanzigjährige, macht sie sich daran, Licht in das
Dunkel ihrer Herkunft zu bringen. Bei der Suche nach ihren wirklichen
Eltern verlaufen viele Spuren im Sand, denn die Täter haben ihre
Verbrechen geschickt vertuscht, während die Familien der Opfer aus
Angst schweigen. Doch Schritt für Schritt gelingt es Luz, das Drama
ihrer scheinbar normalen Kindheit zu enthüllen. Sie ist nicht die
Tochter ihrer vermeintlichen Eltern, sondern einer politisch Verfolgten,
einer "Verschwundenen", wie ermordete Mütter während
der siebenjährigen Diktatur in Argentinien euphemistisch genannt
wurden.In ihrem bewegenden Roman "Meine Name ist Luz" beschäftigt
sich die Argentinierin Elsa Osorio mit einem Trauma ihres Landes während
der Militärdiktatur, die von 1976 bis 1983 herrschte. Rund 30 000
Menschen wurden in den sieben Jahren des Grauens verschleppt, gefoltert
und ermordet. Eines der perfiden Verbrechen war der systematische Kindesraub
von Seiten des Militärs, das Frauen ihre Neugeborenen wegnahm und
linientreuen Militärfamilien zur "Adoption" freigab. Die
Mütter wurden nach der Geburt umgebracht. "In den meisten Fällen",
sagt Elsa Osorio, "haben die Adoptiveltern die Wahrheit gekannt,
und oft war der Täter, der die Schwangere gefoltert hat, der spätere
Adoptivvater ihres Kindes."Dass die Aufarbeitung der Vergangenheit
auch rund zwanzig Jahre später noch immer ein heikles Thema ist,
erfuhr die Autorin, als sie das Manuskript ihres Romans verschiedenen
Verlagen in Argentinien anbot. Immerhin hatte sie sich längst einen
Namen gemacht als preisgekrönte Drehbuchautorin und Schriftstellerin.
1982 war sie mit dem renommierten Nationalpreis für Literatur ausgezeichnet
worden. Dennoch wollte kein argentinischer Verlag "Meine Name ist
Luz" veröffentlichen. Erst nachdem der Roman 1998 in Spanien
erschienen und dort auf große Resonanz gestoßen war, brachte
ihn der mexikanische Verlag Mondadori auf den südamerikanischen Markt.Dabei
ist "Meine Name ist Luz" auch literarisch gesehen ein Meisterstück.
Mit ihrer geschickten Erzählstrategie, das Schicksal seiner Heldin
Luz in Rückblenden und durch verschiedene Stimmen wie ein Puzzle
zusammenzusetzen, gelingt es Elsa Osorio, die Spannung zu halten und die
Komplexität des Geschehens zu erfassen. Die unterschiedlichen Perspektiven
geben der Geschichte von Opfern und Tätern einen dokumentarischen
Anstrich und bewahren sie davor, in platte Schwarzweißmalerei abzugleiten.
So hat Luz keine Hassgefühle ihren Stiefeltern gegenüber, da
sie anerkennt, dass sie fürsorglich von ihnen behandelt wurde. Sie
liebte ihren Adoptivvater, der die Wahrheit zunächst nicht kennt
und seinem Schwiegervater, einem General, die Lüge abnimmt, dass
Luz das Baby einer Prostituierten sei, die es nach der Geburt freiwillig
weggegeben habe. Luz erkennt an, dass ihr Stiefvater später "sein
Leben aufs Spiel gesetzt hat, um meine Herkunft herauszufinden".
Ihrem leiblichen Vater hingegen, den sie als 22-Jährige aufspürt
und in einem Café in Madrid trifft, wirft sie vor, dass er sich
ins spanische Exil gerettet und nie Nachforschungen angestellt habe, nachdem
seine schwangere Lebensgefährtin verhaftet worden war.Elsa Osorio,
1952 in Buenos Aires geboren, ist vor sechs Jahren nach Madrid gezogen.
Dort fiel es ihr aufgrund der räumlichen Distanz zu ihrem Heimatland
leichter, ihren Roman zu schreiben. Auf das düstere Thema der Kinder
von "Desaparecidos" war sie gestoßen, als sie sich mit
Müttern der "Plaza de Mayo" unterhielt, die jeden Donnerstag
vor dem Regierungsgebäude in Buenos Aires gegen das Verschwinden
ihrer Söhne und Enkel demonstrieren. "Die Handlung des Romans",
sagt Osorio, "habe ich erdacht, aber sie verläuft ganz nah an
der Realität." Reale Fälle, die den Hintergrund für
die Geschichte bilden, fand die Autorin in geheimen Militärdokumenten
und Protokollen der Prozesse, die gegen die argentinische Militärs
wegen des systematischen Kindesraubs in Madrid wiederaufgenommen wurden.Osorio
ist selbst in einer Menschenrechtsorganisation engagiert, die Fälle
von Opfern und Betroffenen vor den spanischen Gerichtshof bringt. "Ich
fordere", sagt sie, "rückhaltlose Aufklärung der Verbrechen
und die Verurteilung der Schuldigen." Schließlich hätte
ihr das gleiche Schicksal widerfahren können. Vor dem Staatsstreich
hatte sie regelmäßig politische Kolumnen für ein linksliberales
Blatt verfasst, als sie 1976, zu Beginn der Militärdiktatur, mit
ihrem ersten Kind, einer Tochter, schwanger wurde. Und sie ist überzeugt
davon, dass sie "Verantwortung" dafür trage, wie ihr Land
mit seiner Geschichte umgeht: "Eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit
zudeckt, kann in der Zukunft nicht mehr atmen."Die Reaktion ihrer
Landsleute auf ihren Roman ist gespalten: "Die Opfer", sagt
Elsa Osorio, "waren dankbar, und auch junge Leute sind sehr interessiert,
mehr über dieses Thema zu erfahren. Aber die Mehrheit will die Gräuel
ignorieren oder gar leugnen." Nur so kann sich die Autorin die Praxis
von Buchhandlungen erklären, "Meine Name ist Luz" nicht
öffentlich auszustellen, sondern nur auf Nachfrage "unter dem
Ladentisch zu verkaufen". Dennoch wurden innerhalb eines Jahres achttausend
Exemplare verkauft.
Rückkehr
Neu Zürcher Zeitung - Karl Marcus Gauss
Die Tochter der Verschwundenen
Elsa Osorios Roman "Mein Name ist Luz"
Da tauchen, aus dem Grab der Vergangenheit, plötzlich höchst
lebendige Kinder auf. Ihre Existenz beweist, was die Militärs in
Chile, Uruguay und Argentinien stets abgestritten hatten, dass sie nämlich
während ihrer Diktatur nicht nur Leute ermordeten und verschwinden
liessen, sondern auch deren Kinder an kinderlose regimetreue Paare verschenkten.
Gesucht hatten nach diesen geraubten Kindern all die Jahre die Mütter
der "Verschwundenen", die Eltern der Entführten, die sich
in Organisationen vereinten und sich weder durch Repression noch durch
wohlmeinende Vertröstungen davon abhalten liessen, Aufklärung
zu begehren.Jetzt
tauchen die Kinder der Verschwundenen auf, und mit ihnen, die mittlerweile
20, 25 Jahre alt sind, kommt ein Geflecht aus Lüge und Täuschung
zum Vorschein; und eine Tragik, die unauflöslich bleibt. Manche der
Kinder sind vollständig in die Welt und Ideologie ihrer Adoptiveltern
eingepasst und wollen von ihrer Herkunft gar nichts wissen, andere haben
selbst gespürt, dass etwas mit ihrer Biographie nicht stimmt, und
die Suche nach der schrecklichen Wahrheit aus eigenen Stücken vorangetrieben.
Die schreckliche Wahrheit: dass sie von Menschen aufgezogen, behütet,
geliebt wurden, die sich ihren Kinderwunsch nur erfüllen konnten,
weil das von ihnenunterstützte Regime die leiblichen Mütter
unmittelbar nach der Entbindung ermordete.Luz
ist eine solche junge Frau aus Argentinien, die in der Familie, in der
sie aufwuchs, ein Geheimnis erahnte, das sie nach dem Tod des von ihr
innig geliebten "Vaters" - er ist es für sie und bleibt
es auch, nachdem sie erfahren hat, unter welchen Umständen sie von
ihm adoptiert wurde - in einem quälenden Prozess der Selbstfindung
aufdeckt. Luz ist die Protagonistin in Elsa Osorios neuem, ihrem sechsten,
im spanischen Original sehr erfolgreichen Roman, der in der deutschen
Übersetzung den Titel "Mein Name ist Luz" trägt. Der
Erfolg verdankt sich nicht nur der Aktualität, die das Thema in Lateinamerika
hat, sondern auch der Art, wie die 1952 in Buenos Aires geborene, heute
in Madrid lebende Autorin die Sache angeht. Osorio hat ausser Romanen
auch viele Drehbücher verfasst, und die Technik, mit der sie Schauplätze,
Milieus und Figuren ihres Romans wechselt, bald harte Fakten, bald heftige
Gefühle bietet und Sex, Gewalt, Romantik kalkuliert dosiert, mag
sie vom Film gelernt haben. Man kann darüber mäkeln, dass hier
politische Barbarei den Stoff für einen Unterhaltungsroman abgibt,
aber man muss anerkennen, dass der Autorin ein fesselndes Buch gelungen
ist, das erschüttert, auch wenn es bisweilen nur knapp am Kitsch
vorbeiführt. - Die Geschichte wird vom Ende her aufgerollt. 1998
kommt eine junge Argentinierin nach Madrid, um sich mit einem Emigranten
in mittleren Jahren, von dessen Existenz sie auf verschlungenen Wegen
erfahren hat, zu treffen. Die langen Gespräche, die Luz mit Carlos
führt, geben ihr die Gewissheit, dass dieser ihr leiblicher Vater
ist; der war 1975 vor den Häschern geflohen und hat zwar gewusst,
dass seine Geliebte ermordet wurde, nicht aber, dass sie zuvor ein Kind
geboren hat. Luz, in der Oberschicht aufgewachsen, hat sich selbst auf
die Spur ihrer wahren Eltern setzen müssen, was sie Carlos durchaus
vorhält: "Als ich gesagt habe, dass mich niemand gesucht hat,
meinte ich damit eine Grossmutter wie die von der Plaza de Mayo. Oder
einen Vater, einen Onkel, einen Blutsverwandten. Es gab nämlich durchaus
jemanden, dersich die Mühe machte, meine Herkunft zu erforschen:
Edoardo."Eduardo,
und das ist das Bemerkenswerte, war der Adoptivvater von Luz, der als
aufstrebender Geschäftsmann in die führenden Schichten eingeheiratet
hatte. Selbst er, der das geraubte Kind adoptiert, ist über dessen
wahre Identität und das Schicksal der Mutter die längste Zeit
im Unklaren gewesen. Nach und nach entfremdet er sich der führenden
Kaste, sucht die Begegnung mit Leuten, die nicht im Dienste des Regimes
stehen, und macht sich schliesslich, ehe er stirbt, selbst daran, die
leibliche Mutter von Luz zu suchen. Findet er sie auch nicht, weil die
Obristen ihre Taten administrativ zu vertuschen wussten, hinterlässt
er seiner Tochter doch wesentliche Hinweise. Und dieGewissheit, von ihm
geliebt worden zu sein. Darum kann Luz zu Carlos sagen: "Nach allem,
was ich dir erzählt habe, musst du denken, dass meine Kindheit und
meine Jugend nur aus Qualen bestanden haben. Aber so war es nicht . .
. Es gab auch ganz was anderes." Schön ist etwa noch nach zwanzig
Jahren die Erinnerung daran, "wie Papa mir vor dem Einschlafen immer
Märchen erzählte". Eine Figur wie Edoardo, unabhängig
davon, dass es sie so oder ähnlich auch in der Realität geben
mag, kommt jedenfalls dem Roman sehr zugute. Sie verhindert, dass die
Kräfte von Gut und Böse schematisch verteilt werden, wie Osorio
überhaupt die Fähigkeit hat, Menschen mit ihrem Widerspruch
und in ihren schillernden Facetten zu zeigen.Bis
Luz zu ihren Wurzeln gelangt, zu jenen schrecklichen Ereignissen des Jahres
1976, als aus dem Säugling einer "Subversiven" amtlich
die Enkelin eines Generals wurde, hat sie eine komplizierte, langwierige,
oft entmutigende Suche zubestehen, die Osorio mit den Mitteln des Kriminalromans
gestaltet. Sie bekommt es mit amtlichen Täuschungen zu tun und mit
Menschen, die in der fortgesetzten Selbsttäuschung leben. Die einen
wissen von nichts, die anderen wollen nichts wissen, die Dritten geben
sich mit Lügen zufrieden, und die meisten suchen ihre Selbstzweifel
zu unterdrücken und sich an die Lüge ringsum zu gewöhnen.
Wie es eben so ist, im ganz normalen Leben, und wie es eben auch notwendig
ist, dass Diktaturen funktionieren.
Rückkehr
Die Tageszeitung
Die Rezensentin ist der Autorin selbst begegnet und beschreibt sie als
zierliche, aber willenstarke Frau: Journalistin, Schriftstellerin, Drehbuchautorin,
wohnhaft in Madrid, aber - thematisch - fest in ihrer argentinischen Heimat
verwurzelt. Für ihren sechsten Roman hat sie laut Kühl ein aktuelles
und brisantes Thema aufgegriffen: etwa 400 bis 500 Kinder wurden während
der Militärdiktatur entführt und kinderlosen Familien der Militärs
zugeführt, die eigentlichen Eltern wurden umgebracht. Erst in den
letzten Jahren sei in der argentinischen Öffentlichkeit das Bewusstsein
für diese Problematik erwacht. Die Protagonistin von Osarios Roman
ist ein solches Kind einer "Ermordeten", das sich als junge
Frau auf die Suche nach ihrer Vergangenheit macht und ihren echten Vater
aufstöbert. Leider, bedauert Kühl, komme der Roman nicht ohne
Klischees aus, weder sprachlich noch inhaltlich. Auch politisches Bewusstsein
lasse die Autorin vermissen, was Kühl mit einem Zitat der Autorin
belegt und erklärt: "Mich interessieren die normalen Menschen,
die Kinder ohne heroische Großmütter." Bei Osorio ist
es die Liebe, die schließlich die Verhältnisse zum Besseren
wendet.
Rückkehr
Die
Zeit
Solange Elsa Osorio die "ordinäre, naiv-gerissene" Miriam
Lopez mit ihrer "Gossenschnauze" erzählen lässt, wie
ihr Geliebter, ein argentinischer Folterknecht, einer eingekerkerten Guerillera
das Kind wegnehmen ließ, ist Dorothea Dieckmann ganz zufrieden mit
dem Roman. Die "erfrischende Stimme" Miriams bewahre die Handlung
vor zu viel Ähnlichkeit mit einer Seifenoper. Wenn das adoptierte
Kind, die inzwischen 20-jährige Luz, dann aber ihrer Vergangenheit
nachspürt, wird es der Rezensentin doch zu "trivial". Das
liegt vor allem an der "literarischen Bescheidenheit" der Autorin
- die die vergangenen 20 Jahre abgespule wie ein "unambitioniertes
Drehbuch". Die Geschichte wird zunehmend mit "Vulgärpsychologie
und erzählerischen Klischees" zusammengehalten, klagt Dieckmann
Rückkehr
Frankfurter Rundschau
Zu Zeiten des argentinischen Miltärregimes wurden die Waisen von
Regierungsopfern an regimetreue Familien gegeben. Dieses Themas hat sich
jetzt Elsa Osorio fiktional angenommen. "Gestohlene" Kinder
ist ein schwieriges Thema, und insgesamt gefällt dem Rezensenten
Eberhard Falcke die Aufbereitung dieser Geschichte ganz gut. Er lobt die
verschiedenen Perspektiven, aus der die Geschichte erzählt wird und
die vielschichtigen Aspekte, die in die "versiert gebauten Handlung"
eingebaut wurden. Herausgekommen ist seiner Meinung nach ein "Menschenrechtsthriller".
Was Falcke stört ist der allzu menschelnden Blick, zu dem so ein
Schicksal einlädt: "Das ist für die Spannungsdramaturgie
des Romans günstig, bringt jedoch die Durchleuchtung der Diktatur
wenig voran".
Rückkehr
T.V.
3 Sat
Immer schon hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass zwischen ihrer
Mutter und ihr eine unsichtbare Wand bestünde, dass die Liebe ihrer
Mutter nicht grenzenlos sei.
Sie wächst privilegiert auf, wohlhabend, als Enkelin eines hohen
Funktionärs des argentinischen Militärregimes, abgeschottet
von einem anderen Leben, das sich außerhalb ihrer fest umgrenzten
Erlebniswelt abspielt. Sie ahnt nicht, dass sie in einem Land aus Tätern
und Opfern als Tochter von Opfern in einer Familie von Tätern aufwächst.
Wie sollte sie auch? Wie sollte sie, die Enkelin General Dufaus, wissen
von Entführung, Folter Mord, - von "Verschwundenen" und
den Säuglingen der "Verschwundenen"?
Zwanzig Jahre wird das Mädchen Luz brauchen, um Licht in das Dunkel
ihrer eigenen Biografie zu bringen.
Elsa Osorios Roman beschäftigt sich mit einer besonders abscheulichen
Facette skrupellosen und verbrecherischen Handelns der Militärs im
Argentinien der 70er Jahre:
Täglich "verschwinden" Regimekritiker, darunter junge,
schwangere Mädchen. Die Mütter wurden nach der Geburt getötet,
ihre Säuglinge wurden "inoffiziell" an kinderlose regimetreue
Familien verschenkt.
Diesem furchtbaren Kapitel der Geschichte ihres Landes widmet Elsa Osorio
diesen Roman.
Sie erzählt schmucklos, fast distanziert. Niemals erliegt sie der
Gefahr, das tragische Geschehen zu ästhetisieren, in die Nähe
opulenter Hollywood-Inszenierungen zu geraten.
Dennoch ist das Erzählgerüst formal sehr gelungen aufgebaut.
Die Erzählperspektiven wechseln, und die Autorin offenbart darin
eine große Fähigkeit, sich in die unterschiedlichsten Psychen
einzudenken und zu -fühlen.
Wenn sie ein Kapitel aus der Sicht des Folterers El Bestia beendet habe,
erzählt die mädchenhafte, zarte Autorin, dann habe sie duschen
müssen, um sich von ihrem unangenehmen Körpergefühl zu
befreien. Lange hat sie, die eine Hassliebe mit ihrem Land verbindet,
in Argentinien einen Verleger für ihr Buch gesucht, und das, obwohl
sie Trägerin des "Premio Nacional de Literatura" Argentiniens
ist. "A veinte anos; Luz" erschien zunächst im Ausland.
Der Insel Verlag präsentierte diesen Roman anlässlich der Buchmesse
in deutscher Übersetzung von Christiane Barckhausen-Canale. Ein berührendes,
eindrückliches Leseerlebnis! Bettina Von Feil
Rückkehr
www.berliner-lesezeichen.de
Die geraubte Identität
- Elsa Osorio schreibt über ein dunkles Kapitel der argentinischen
Geschichte
Aus dem Spanischen von Christiane Barckhausen-Canale.
Insel Verlag, Frankfurt/M. 2000, 425 S.
Die Argentinierin Luz verabredet sich in einem Madrider Café mit
einem Unbekannten, ihrem Vater. In langen Rückblicken erzählt
sie ihm, dem einstigen politischen Flüchtling, von der Suche nach
ihren leiblichen Eltern. Die Handlung von Mein Name ist Luz kreist um
ein Thema von aktueller Brisanz, dem systematischen Kinderraub in Argentinien.
Nach dem Militärputsch 1976 verschonten die neuen Machthaber inhaftierte
Schwangere von der Folter, töteten sie nach der Geburt ihrer Kinder
und übergaben diese regimetreuen Ehepaaren. Erst in den letzten Jahren
kamen nach und nach einige Fälle ans Licht, nicht zuletzt durch das
Schicksal bekannter Persönlichkeiten wie des Dichters Juan Gelman,
der seine Enkelin nach 23jähriger Suche im Nachbarland Uruguay ausfindig
machte. Die Argentinier Elsa Osorio war eine der ersten, die den planmäßigen
Kindsraub in ihrem Roman öffentlich machte. Nüchtern beschreibt
sie die Konsequenzen des unfaßbaren Schwindels für die Protagonistin
Luz. Behütet wächst sie in der Familie eines ranghohen Militärs
auf, bis sie erfährt, daß sie die Tochter einer Verschwundenen
ist. Allein auf sich gestellt, versucht sie, die Wahrheit über ihre
Herkunft zu erfahren. Der spanische Titel - A veinte años, Luz
- hat eine doppelte Bedeutung: Luz, mit zwanzig Jahren oder
Nach zwanzig Jahren Licht.
Das sechste Buch
von Elsa Osorio ist weder Politthriller noch Kriminalroman. Die Autorin
macht das Verbrechen in seiner menschlichen Dimension deutlich. Sie schneidet
die Perspektiven von Tätern und Opfern gegeneinander, die wie ein
Zeitdokument wirken. Gefühle sind ziemlich zurückgenommen, Schuldzuweisungen
fehlen. Selbst El Bestia, oberster Folterknecht in einem Lager,
wirkt bei dem Versuch rührend und fürsorglich, seiner Lebensgefährtin
Miriam jeden Wunsch zu erfüllen, auch nach einem Kind. Elsa Osorio
hebt einzelne Abschnitte aus dem Leben von Luz hervor: Die Umstände
ihrer Geburt, die unbeschwerte Kindheit, die Bestrebungen ihres unfreiwilligen
Adoptivvaters, die Wahrheit ans Licht zu bringen, die Loslösung von
der Familie und die Nachforschungen nach den wahren Wurzeln. Das Verbrechen
rumort in den Köpfen der Mitwisser und Mitläufer und führt
dazu, daß einige schließlich über ihre dahinplätschernde
Existenz hinaus wachsen.
Die gegensätzlichen
Bemühungen von Aufklärern wie den Mütter der Plaza
de Mayo, denen das Schicksal anderer nicht gleichgültig ist,
und den Verbrechern der Militärdiktatur, die seit der Generalamnestie
in den 80er Jahren geschützt sind, spaltet auch heute noch die Gesellschaft
in Argentinien. Unter dem beachtlichen Figureninventar befinden sich keine
authentischen Personen. Ebensowenig beinhaltet Mein Name ist Luz autobiographische
Elemente. Elsa Osorio hat die Erlebnisse vieler Menschen in ein Romangeschehen
umgesetzt, das sich so hätte ereignen können.
Rückkehr
www.ila-bonn.de
Mein
Name ist Luz
Bei ihren Bemühungen,
sich am Ende der Diktatur durch ein Schlusspunktgesetz Straffreiheit zuzusichern,
hatten die Militärs in ihrer Liste zu amnestierender Delikte übersehen,
dass ihnen auch für die Entführung neugeborener Kinder politischer
Gefangener, die kinderlosen Militärs oder deren Verwandten geschenkt
wurden, der Prozess gemacht werden kann. In den letzten Jahren gab es
deswegen schon eine Reihe von Festnahmen. Ein brandheißes Thema,
das die in Madrid lebende argentinische Journalistin, Dozentin und Drehbuchautorin
Elsa Osorio (geb. 1952) mit ihrem Roman Mein Name ist Luz
aufgreift.
Die 20-jährige
Luz aus Buenos Aires trifft sich in Madrid mit ihrem leiblichen Vater
Carlos, einem Exilanten, der nichts von Luz Existenz weiß.
In einem den Roman umspannenden Gespräch bringt sie ihm die Geschichte
ihres Lebens und ihrer Entdeckung nahe, das Kind einer Verschwundenen
und von ihm, Carlos, zu sein. Luz wuchs in einer reichen Familie auf;
ihr Großvater, ein Militär, hatte sie als Säugling von
der gerade niedergekommenen politischen Gefangenen Liliana als Ersatz
besorgt, weil seine eigene Tochter Mariana eine Totgeburt
hatte. Mariana selbst wird nicht eingeweiht, ihr Ehemann Eduardo willigt
mit schlechtem Gewissen in das Manöver ein, ohne die wirklichen Dimensionen
zu ermessen. Erst viel später gehen ihm allmählich die Augen
auf, als er die Jugendfreundin Dolores wiedertrifft, die ins Exil musste
und nun auf der Suche nach dem Kind ihres verschwundenen Bruders heimlich
Station in Buenos Aires macht. Eduardo, der sich ohnehin von der kaltblütigen
Mariana entfremdet und in Dolores verliebt hat, konfrontiert seine Frau
mit seinem Verdacht des Kindesraubs und Muttermords. Mariana lässt
ihn abblitzen. Auf der Suche nach der wahren Mutter wird Eduardo von einem
vom Schwiegervater beauftragten Killer ermordet. Mariana heiratet wieder
und zieht die weiterhin ahnungslose Luz voller Misstrauen deren vermeintlich
niederen Erbgut gegenüber auf. Aufgrund ihrer ersten
Liebe, dem Sohn eines Verschwundenen, beginnt Luz etwas von ihrem eigenen
Schicksal zu erahnen. Sie nimmt, als sie selbst schwanger wird, die Suche
auf, die sie endlich zu ihrem Vater Carlos führt. Eine wichtige Person
bei der Suche ist Miriam, ehedem Hure und Braut eines subalternen Foltermilitärs.
Er hatte die gefangene Mutter in den ersten Lebenswochen von Luz bis zur
vorgesehenen Übergabe bei Miriam versteckt. Trotz Kontaktverbots
baut Miriam eine Beziehung zu Liliana und ihrer Tochter auf. Als sie erfährt,
dass Liliana bald umgebracht werden soll, hecken beide Frauen einen Fluchtplan
auf. Er misslingt. Liliana wird auf der Stelle erschossen, Miriam verspricht
der Sterbenden, ihrer Tochter die Wahrheit zu erzählen, und entkommt.
Nach vielen Jahren und etlichen thrillermäßigen Wirren gelingt
es ihr, dieses Versprechen einzulösen. Und alle Guten finden sich.
In einem seltsamen
Gegensatz zu dem ebenso furchtbaren wie realitätsnahen Hintergrund
der Geschichte stehen die Motivationen und Handlungsweisen der Figuren,
die einem Gartenlaubenroman entsprungen scheinen. Alle guten Charaktere
triefen nur so vor Edelmut. Miriam, die Hure, wird in der Liebe zum Neugeborenen
zur wahren Mutter, die fortan instinktiv den richtigen Pfad
findet und den richtigen Menschen vertraut. Desgleichen Eduardo. Beide
waren bis zur ersten wirklichen Liebe zum Kind bzw. zu Dolores
blind für die Verhältnisse. Nur das Herz und nicht der
Blick auf die Straße weist den Weg. Mutterliebe ist dabei
die höchste Form des Verstehens auch Luz begreift erst als
Schwangere. Die politischen Gefangenen, erfahren wir aus Gesprächen
über sie, nicht aus Handlungen, kämpften für eine gerechtere
Gesellschaft; die übrigen ProtagonistInnen indessen haben von deren
Fehlen offenbar nichts gemerkt, bis dass die Stimme eines geliebten Herzens
sie weckte.
Zu oft gerät
die Handlung an die Grenzen dessen, was eine im Kern aufklärerische
Idee verträgt. Dass sich zuerst und vor allem durch reine Liebe in
allen ihren Formen die grausame Wirklichkeit erkennen und mit der höchsten
Opferbereitschaft überwinden lässt, ist eine Botschaft, die
der auch sozialen und politischen Komplexität des Dramas der gestohlenen
Kinder letztlich nicht gerecht wird. Elsa Osorio hätte aus ihren
vielen guten Ansätzen weitaus mehr machen können. als ein Rührstück.
Gaby Küppers
Rückkehr
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